Auf der Suche nach einem neuen Modell

Stehen wir vor dem Ende desjenigen Modells, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Gestalt der Uhrmacherwelt geprägt hat?


Von Pierre Maillard

Angesichts der zahlreichen Faktoren, die dazu beitragen, die Grundfeste dieses einzigartigen Wirtschaftssektors einstürzen zu lassen oder aber nachhaltig zu beschädigen, müssen wir diese Frage wohl bejahen. Der beängstigende Zustand unserer Welt muss hier nicht näher beleuchtet werden. Dies geschieht in gebührendem Maße an anderer Stelle. Alle von uns angesprochenen CEOs waren sich bei ihrer Aufzählung jedoch einig: Konjunktureinbruch in China, fallender Rubel, anhaltendes Blutbad im Nahen Osten, ein mit einer Flüchtlingskrise biblischen Ausmaßes kämpfendes Europa, Zweifel an Schengen, möglicher Brexit, Zunahme von Nationalismus und sozialer Ungerechtigkeit, Bedrohung durch den Terrorismus und, nicht zu vergessen, die Aussicht auf Trump als Regierungschef in der freien Welt oder aber, noch schlimmer, die drohende gewaltige Umweltkatastrophe, die zu einem nicht auszudenkenden geopolitischen Chaos und menschlichem Leid führen würde.

Von der Ernsthaftigkeit der Bedrohungen ausgehend erscheint es geradezu belanglos, sich um den Zustand der Uhrenbranche zu sorgen. Wie wir jedoch schon häufig betont haben, ist sie alles andere als ein Baukastenhabitat auf dem Mars. Sie existiert nicht in einer sterilen Blase. Vielmehr hält sie der eigenen Epoche den Spiegel vor. Auch sie sieht sich ebenjenen Gefahren gegenüber und muss gleichzeitig den brancheninternen Bedrohungen begegnen. Dabei werden die eigenen Modelle in Frage gestellt. Alles scheint sich zuzuspitzen. Das Aufkommen der Smartwatches erschüttert etablierte Hierarchien und wirft die bisherigen Spielregeln über den Haufen, vor allem was die untere und mittlere Preisklasse betrifft (wobei die von uns befragten CEOs, die das gesamte Produktspektrum von Uhren vertreten, diese Gefahr jedoch allesamt herunterspielten). Die jüngst von FH veröffentlichte Statistik bestätigt scheinbar dieses Aufkommen, das in eine Zeit fällt, in der die Schubladen der Händler vor lauter unverkaufter Ware überquellen.

Der Markt ist gesättigt und dennoch sprießen tagtäglich neue Marken aus dem Boden. Gleichzeitig zeigt das Modell der Monomarkengeschäfte tiefe Risse. Denn diese sind sehr teuer – um nicht zu sagen extrem teuer – und häufig leer. („Ohne Schmuck ist ein Monomarkengeschäft sinnlos“, so die unverblümte Feststellung von Corums CEO Davide Traxler in Le Temps.) Eine Rückkehr zu den Multimarkengeschäften scheint unausweichlich. (Derzeit testet Richemont in China ein neues Multimarkenkonzept unter dem Namen Time Vallée, das sich der Konkurrenz gegenüber offen zeigt.) Es lässt sich nicht leugnen, dass der schwindelerregende Aufstieg der Schweizer Uhrmacherkunst eine Art Antwort auf die wachsende Kluft zwischen den Megareichen und der zerfallenden Mittelschicht war. Doch diese Aufwärtsbewegung und die mit ihr einhergehende stärkere Vertikalisierung der Produktionsmittel reißt Löcher in das historische Gefüge, welches die Vormachtstellung der Schweizer Uhrmacherkunst untermauert. Viele Zulieferer sind schwer getroffen. In aller Stille, doch immer offener werden Stellen abgebaut. Von Euphorie ist nichts mehr zu spüren. Wie wird die Uhrenindustrie in zehn Jahren aussehen? Viele Menschen wünschen sich wohl gerade eine Glaskugel. Die ermutigenden Zahlen unserer japanischen Freunde, die sich nicht vor der Zusammenführung feinster mechanischer Uhrmacherkunst und Spitzentechnologie scheuen, liefern womöglich eine teilweise Antwort. Ein neues Modell scheint jedenfalls nötiger denn je.